Letztes Jahr habe ich sie in meiner 4. Klasse ausprobiert und nun sind sie auch Teil meiner täglichen Praxis in der 1. Klasse: Ich spreche von Lernleitern. Im Grundschulstudium und Referendariat kam diese Methode gar nicht vor. In der Sonderpädagogik dagegen kommt man daran nicht vorbei.
Doch wie kam ich überhaupt zum Entschluss, auf Lernleitern umzustellen?
Ausgehend von meinen Beobachtungen im Unterricht stützte eine Umfrage bei meinen Schülerinnen und Schülern die These, dass der von mir zwar sorgfältig geplante handlungsorientierte, differenzierte Mathematikunterricht die Kinder dennoch nicht in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen abholte. Und mein Eindruck täuschte mich nicht: So gaben vier Schüler an, dass ihnen der Mathematikunterricht oft zu schnell ginge, während es zwei Kindern oft zu langsam voranginge. Fünf Kinder empfanden den Unterricht vom Lerntempo her als oft genau richtig. Mehr als die Hälfte meiner Schüler wünschte sich demnach ein anderes Tempo, womit auch andere Differenzierungsmaßnahmen ihren Einsatz fänden müssten.
Mein Mathematikunterricht holte trotz Bemühungen die Kinder nicht nur nicht in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen ab, sondern kreierte sogar Momente, in denen sich die Schüler überfordert, gestresst und aufgehalten fühlten. Da dies selbstverständlich nicht meine Absicht für die Kinder ist, beschloss ich meinen Mathematikunterricht passend zur Erweiterung des Zahlenraums nach Prinzipien der Lernleiter-Methode (MultiGradeMultiLevel, kurz: MGML-Methode) auszurichten und zu gestalten.
Wer hier noch weiter in die Tiefe möchte, kann ich das Buch von den Sonderpädagogen Ralf Girg und Thomas Müller empfehlen (unbezahlte Werbung).
Meine Intention
Von der Umstellung und Neuausrichtung meines Matheunterrichts erhoffte ich mir nicht nur ein motivierendes Setting und ein für alle Kinder passendes Lerntempo, sondern auch die Entwicklung von individuellen und sozialen Schlüsselkompetenzen meiner Schüler.
Eine Förderung dieser Kompetenzen im schulischen Kontext wollte ich durch folgende Prinzipien anregen:
- Individualisierung und Differenzierung
Es werden passende Aufgabenstellungen generiert, die jedem Schüler auf seinem Leistungsniveau Erfolgserlebnisse ermöglichen und damit Selbstwirksamkeit erfahren lassen. Diese können sich daher in ihrem Umfang und Schwierigkeitsgrad unterscheiden. Der Kompetenzerwerb erfolgt anhand gemeinsamer Aufgabenstellungen, die verschiedene Lernwege, Ergebnisse und Tempi zulassen, sodass auf die unterschiedlichen Entwicklungs-voraussetzungen und die spezifischen Wahrnehmungsvoraussetzungen der Kinder eingegangen werden kann. Auch das Angebot von Hilfen unterschiedlichen Ausmaßes – beispielsweise handelndes Material gegenüber ikonischem Material – kann variieren.
- Stärkenorientierung
Das Selbstbild von Kindern mit Förderbedarf im sozio-emotionalen Bereich ist in der Regel eher negativ entwickelt. Umso wichtiger ist es im Rahmen der Beziehungsarbeit zwischen Lehrkraft und Schüler, aber auch in Hinblick auf einen gelingenden Lernprozess die die Ressourcen, Interessen und Stärken eines jeden Schülers in den Blick zu nehmen. Das bedeutet nicht, dass vorhandene Defizite übersehen werden, jedoch werden diese ressourcenorientiert und beziehungssensibel von der Lehrkraft analysiert. - Selbsttätigkeit
Als Bestandteil eines selbstbestimmten Vorgehens leistet Selbsttätigkeit einen Beitrag zur Entwicklung von Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Den Kindern sollen im Rahmen eines handlungsorientierten Unterrichts passgenaue Lernangebote bereitgestellt werden, die eine selbstständige Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand ermöglichen.
- Positive Fehlerkultur
Eng mit einer hohen Selbsttätigkeit und Handlungsorientierung verknüpft ist der Umgang mit Fehler: die Kinder sollen darin unterstützt werden, einen konstruktiven Umgang mit Fehlern zu erlernen, sodass ihre Lernmotivation bei Misserfolgen nicht einbricht und sie sich Fehler als Ausdruck von persönlichem Versagen zuschreiben. Die Vorbildfunktion der Lehrkraft – auch in Umgang mit eigenen Fehlern – ist dabei bedeutsam.
Die Schüler sollen dazu angeregt werden, Fehler für das weitere Lernen zu nutzen, sodass sie zum einen Erfolgserlebnisse wahrnehmen können, aber auch in der Lage sind, zu benennen, was ihnen noch schwerfällt und welche Ziele sie sich daher setzen wollen. Der Lehrplan Plus sieht in der Reflexion von Lernwegen und Lernergebnissen die große Chance, schrittweise Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen.
Und natürlich war das auch schon zuvor ein Teil meines Unterrichts und meiner unterrichtlichen Haltung, aber durch die Auseinandersetzung mit der Lernleiter-Methode setzte ich mich ganz bewusst mit meinen Zielen und Prinzipien auseinander.
Einblick in die Praxis
Das Lernen mit Lernleitern war nicht nur für mich, sondern auch für die Kinder neu. Aus diesem Grund wurde die Einführung entsprechend kleinschrittig gestaltet. Mit der Einführung wurden drei Grundsätze mit der Arbeit mit Lernleitern festgelegt:
- Grundsatz 1: Das Lernen mit Lernleiter ist KEIN Wettkampf. Wir helfen einander, achten auf uns und darauf, am Ziel in unserem Tempo anzukommen. (Symbol: durchgestrichenes Wettrennen)
- Grundsatz 2: Wir achten die Lernzeit und nutzen sie für uns. (Symbol Sanduhr)
- Grundsatz 3: Ich bin mein eigener Chef und dafür verantwortlich, dass es gut wird (Symbol Chefkoch): umfasst Hilfe holen, wenn ich nicht weiterkomme; Ergebnisse genau kontrollieren und bei Fehlern auf die Lehrerin zukommen
Diese Grundsätze wurden anfangs zu Beginn jeder Lernleiterstunde wiederholt (stützend dazu mit Bildkarten unterlegt) und nach einiger Zeit nach Bedarf. Von diesen Grundsätzen ausgehend wurden die Kinder dazu ermuntert, sich selbstverantwortlich Ziele für die Lernleiterstunde zu setzen. Dabei legten sie den Muggelstein mit ihrem Namen auf die jeweilige Ziel-Bildkarte (siehe Bild).
Jede Lernleiterstunde begann im Plenum im Sitzkreis. Dort wurden die Lernleiter-Pläne ausgeteilt und besprochen, wer mit was beginnt. Auch fand dort das Setzen des Arbeitsziels statt. Das Material habe ich in Akten angeordnet und durchnummeriert. In dieser Lernleiter-Mathe-„Ecke“ war auch sämtliches anderes Material, wie beispielsweise LÜK-Kästen, Dienes-Material, Logico-Kästen, etc.
Wie entsteht eine Lernleiter?
Ich mache es so, dass ich vor Beginn einer Sequenz eine Lernstandserhebung durchführe und die Kinder in drei Anforderungs-niveaus einteile: so möchte ich Unter- und Überforderung vermeiden und auch ein einigermaßen gleiches Tempo ermöglichen. Das ist zwar gar nicht das Ziel von der klassischen Lernleiter-Methode, aber da bin ich ehrlich gesagt noch im Prozess und brauche aktuell noch ein einigermaßen gleiches Tempo- wenn auch auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus. Durch meine aktuell sehr heterogene 1. Klasse, mit 2 Kindern an der grenze zur geistigen Entwicklung neben Kindern mit Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich darf ich gerade lernen, „loszulassen“ von Gleichschritt.
Es werden passende Aufgabenstellungen generiert, die jedem Schüler auf seinem Leistungsniveau Erfolgserlebnisse ermöglichen und damit Selbstwirksamkeit erfahren lassen. Diese können sich daher in ihrem Umfang und Schwierigkeitsgrad unterscheiden. Der Kompetenzerwerb erfolgt anhand gemeinsamer Aufgabenstellungen, die verschiedene Lernwege, Ergebnisse und Tempi zulassen, sodass auf die unterschiedlichen Entwicklungs-voraussetzungen und die spezifischen Wahrnehmungsvoraussetzungen der Kinder eingegangen werden kann. Auch das Angebot von Hilfen unterschiedlichen Ausmaßes – beispielsweise handelndes Material gegenüber ikonischem Material – kann variieren.
- Stärkenorientierung
Das Selbstbild von Kindern – gerade auch mit Förderbedarf im sozio-emotionalen Bereich – ist in der Regel eher negativ entwickelt. Umso wichtiger ist es im Rahmen der Beziehungsarbeit zwischen Lehrkraft und Schüler, aber auch in Hinblick auf einen gelingenden Lernprozess die die Ressourcen, Interessen und Stärken eines jeden Schülers in den Blick zu nehmen. Das bedeutet nicht, dass vorhandene Defizite übersehen werden, jedoch werden diese ressourcenorientiert und beziehungssensibel von der Lehrkraft analysiert.
- Selbsttätigkeit
Als Bestandteil eines selbstbestimmten Vorgehens leistet Selbsttätigkeit einen Beitrag zur Entwicklung von Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Den Kindern sollen im Rahmen eines handlungsorientierten Unterrichts passgenaue Lernangebote bereitgestellt werden, die eine selbstständige Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand ermöglichen.
Dabei halfen unter anderen ein Partnersystem und weitere Schilder: Dort konnten sich die Kinder mit ihrem Namenskärtchen hinhängen und Hilfe bekommen. Das erste Schild bezieht sich dabei auf Hilfe von Mitschülern.
- Positive Fehlerkultur
Eng mit einer hohen Selbsttätigkeit und Handlungsorientierung verknüpft ist der Umgang mit Fehlern: die Kinder sollen darin unterstützt werden, einen konstruktiven Umgang mit Fehlern zu erlernen, sodass ihre Lernmotivation bei Misserfolgen nicht einbricht und sie sich Fehler als Ausdruck von persönlichem Versagen zuschreiben. Die Vorbildfunktion der Lehrkraft – auch in Umgang mit eigenen Fehlern – ist dabei bedeutsam.
Die Schüler sollen dazu angeregt werden, Fehler für das weitere Lernen zu nutzen, sodass sie zum einen Erfolgserlebnisse wahrnehmen können, aber auch in der Lage sind, zu benennen, was ihnen noch schwerfällt und welche Ziele sie sich daher setzen wollen. Der Lehrplan Plus sieht in der Reflexion von Lernwegen und Lernergebnissen die große Chance, schrittweise Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen.
Wie kann eine Lernleiter ausschauen?
Als ich meine ersten Lernleitern erstellte, meinte ich es sicherlich zu gut. Die Kinder kamen zwar sehr gut damit zurecht, aber sie waren ganz schön umfangreich und ich würde tatsächlich die Aufgabenanzahl reduzieren und ganz gezielt darauf achten, dass die Aufgaben sinnvoll gewählt sind (siehe Foto links).
Dass auch interaktive Aufgaben wie ANTON oder Worksheet Go! (unbezahlte Werbung) dabei waren, war super motivierend für die Kinder.
Das alles sind Erfahrungen, die einen weiterbringen. In meiner 1. Klasse habe ich mich entschlossen, eine sehr übersichtliche Form zu gestalten (Foto rechts).
Mein Fazit
Das Arbeiten mit Lernleitern ist ein Prozess: Ich bin sicher, dass es immer wieder Anpassungen geben wird, sich die Bedürfnisse (von mir und / oder den Kindern) ändern und gezielte Maßnahmen nötig sein werden. Darauf freue ich mich, denn dadurch bleibt das Lernen mit Lernleitern lebendig, auf uns als Klasse zugeschnitten und hoffentlich auch weiterhin so erfolgreich. Insgesamt möchte ich nicht mehr zurück – die Erstellung ist zwar nicht unaufwändig, aber wenn man sich einmal Gedanken über seine Grundsätze gemacht hat, geht es von Mal zu Mal schneller! Ich kann nur sagen: probier es aus, wenn du das Gefühl hast, dass dein Unterricht für einige zu schnell, für andere zu langsam und für die und die Kinder unbefriedigend ist.
Hast du schon Erfahrungen damit gemacht? Teile sehr gerne deine Erfahrungen in den Kommentaren!



Liebe Hanni,
die Idee finde ich toll und auch für mich überdenkenswert.
Zur Leiter für Klasse 1 hätte ich eine Anregung: Wäre es nicht sinnvoller bzw. logischer, unten anzufangen und somit die Leiter nach oben zu klettern?
Liebe Grüße aus Thüringen
Tina
Liebe Tina,
vielen Dank für deinen Kommentar und fürs „Mitdenken“. Rein logisch hast du recht! Ich selbst nenne es in Mathe „Schatzkarte“, da es ein bisschen im Piratenstil aufgebaut ist und in Deutsch Ufo-Flug, da wir an der Schule mit Karibu arbeiten und es dort das Schreibufo gibt. Deshalb kommt des Klettern an sich bei mir nicht vor, aber wenn man es Lernleiter nennt, macht es auf jeden Fall Sinn! 😊
Liebe Grüße,
Hanni
Hallo Hanni, vielen Dank für deine ausführliche Schilderung deiner Arbeit mit Lernleitern. Ich arbeite jetzt schon lange im Schuldienst (29 Jahre) in der Förderschule in Bayern und habe in der DFK alle möglichen Systeme ausprobiert.
Meine ersten Lernleitern habe ich zur Einführung der Schreibschrift gestaltet. Dann habe ich die Einführung des ZR100 handlungsorientiert mit Material ergänzt. Es sind mehrere geworden. Meist muss ich jetzt die Kinder vorher abgeben, bevor sie im ZR 100 anfangen zu rechnen. D.h. das Material lagert in Kisten… (die Schreibschrift führen wir nicht mehr ein.)
Dann kam das Glanzstück: verschiedene Lernleitern unterschiedlicher Schwierigkeit zum Lesen üben. Daran arbeiten meine Kinder häufig und das sehr begeistert. Selbst die Lesemuffel und verhaltenskreative Kinder üben mit diesem Format gern Lesen. Und meine riesige Sammlung von Lesematerial ist sortiert, strukturiert und gut geordnet aufbereitet. Hier gibt es keine Arbeitsblätter, sondern nur Spiele, Lege- und Materialaufgaben, die allein oder mit Partner gemacht werden. Aufgabe 10 muss immer mit mir gemacht werden, damit ich den Lernstand überprüfen kann und entscheide, das Kind kann die nächste Schwierigkeitsstufe machen oder übt noch weitere 8 Stationen in der gleichen Schwierigkeitsstufe…
Die Einführung von Zahlen und Buchstaben mache ich mittels Stationenarbeit. Hier können die Kinder frei ihre Aufgaben wählen und arbeiten in ihrem Tempo. Da sich die Stationen ähneln, (es gibt immer LÜK, prickeln, Domino, Memory,…) können sich die Kinder auch gegenseitig unterstützen und ich finde Zeit, um mit einzelnen Kindern Fragen zu klären oder zu arbeiten… Liebe Grüße Bettina
Liebe Bettina,
vielen Dank für das Teilen von deinen Erfahrungen – das klingt fantastisch!! Ich bin richtig froh, auf Lernleitern gestoßen zu sein und sehe es wie du: es wird allen Kindern gerechter und auch Störungen sind in diesen Phasen weniger!
Das mit dem Lesen merke ich mir – das kommt bei uns jetzt in den nächsten 2 Wochen. Darauf freue ich mich schon. Ich merke auch anhand deines Kommentars, dass ich mich trauen darf, die Kinder noch mehr einzubeziehen – gerade als gegenseitige Helfer. Da lag mein Fokus bisher noch viel zu wenig 😉 Falls du möchtest, kannst du gerne noch teilen, wie beispielsweise die Lernleiter auf dem niedrigsten Niveau konkreter aufgebaut ist und wie die Steigerung dann aussieht. Ich denke mal unter anderem von Silben- auf Wort und dann auf Satzebene, oder?
Liebe Grüße!
Liebe Hanni.
Begeistert habe ich deinen Artikel gelesen. Ich unterrichte gerade Mathe in einer ersten Klasse am SBBZ Lernen und stehe ebenfalls vor der Herausforderung der Heterogenität. An Wochenpläne trauen wir (meine Teampartnerin und ich) bei der KIasse nicht, aber das Konzept der Lernleiter könnte ich mir vorstellen. Dein einfaches Lernleiterbeispiel gefällt mir sehr gut – allerdings ist es ja für Deutsch. Wäre es möglich, dass du mal ein Mathe-Beispiel zeigst? Und – du schreibst, dass du vorab eine Lernstandserhebung durch führst – wie kann diese aussehen?
Danke für die tolle Anregung! Gleich bestelle ich mir das Buch!
Liebe Nana,
vielen Dank für deinen Kommentar. Sehr gerne erstelle ich in den nächsten Tagen einen Blogbeitrag zu Mathe – die Lernleiter dort hatte ich sogar noch vor Deutsch erstellt. Auch kann ich gerne dort auf die Lernstandserhebungen eingehen. Ich bin nur gerade inmitten der LEGs und daher kann es noch ein paar Tage dauern! ☺️
Liebe Grüße!
Oh wie toll! Ich freue mich und bin total gespannt. Ich habe mir auch schon ein Fachbuch bestellt und drin gelesen. Mein Plan ist – wenn unsere LEGs erledigt sind, damit zu starten. 😉
1000 Dank an dich und viel Erfolg und Freude bei den LEGs.
Viele Grüße